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Schreiambulanz


Mary Martini

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***

Erster Hausbesuch

Wir haben schon in den ersten drei Monaten immer mal wieder überlegt, uns Rat bei der Schreiambulanz zu suchen. Ich weiß nicht, woran es immer wieder gescheitert ist. Ich glaube, wir haben uns nicht recht getraut; wollten uns die Blöße nicht geben. Andere Eltern kommen doch auch mit ihrem Baby klar - dann sollten wir es auch schaffen. Ich hatte wohl auch ein bisschen Angst, man würde uns nicht ernst nehmen. Eigentlich blöd - sind doch die Leute, die dort arbeiten, genau für Eltern wie uns da.

Die vergangenen Wochen waren nicht leicht. Linus zum Schlafen zu bringen, ob am Tag oder in der Nacht, war in neun von zehn Fällen eine Tortur für alle drei von uns. Linus schreit wie am Spieß, wenn er hingelegt wird. Er schreit, als würden wir ihm etwas Furchtbares antun, und dieser Kampf zieht sich oft über lange Zeit hin. Ihn einfach nicht hinzulegen, bringt ebensowenig. Wenn er übermüdet ist, wird er - wie jedes Baby - höchst unleidlich. Jeden Tag aufs Neue diese Kämpfe - sie schlauchen wahnsinnig. Man kann ihn nicht ins Bett legen, ohne Angst zu haben, er schreit sich hysterisch. Wenn er so schreit, ist es sehr schwer, ihn wieder runterzuholen. Er zittert am ganzen Körper, sein Kopf ist knallrot, er atmet hektisch und es geht ihm einfach schlecht. Und uns natürlich auch.

Ich stille noch fast voll und habe seit Linus' Geburt immer zwischen zwölf und vierzehn Mal gestillt. In den letzten Wochen waren es nachts fünf, sechs Mal - oft stündlich, eineinhalbstündlich, seltener zweistündlich. Linus braucht mich zum Einschlafen, wenn er nachts nicht einschlafgestillt wird, schreit er sich ein. Ich stille für mein Leben gern, aber meine Reserven sind erschöpft. Ich weiß, dass ich von meinem Rabauken kein Durchschlafen erwarten kann, aber etwas weniger oft zu stillen, würde mich sehr glücklich machen. Ich würde so gern mal wieder vier oder fünf Stunden am Stück schlafen ... Auch das ist ein Grund, aus dem wir uns letztlich doch an die Schreiambulanz gewandt haben.

Ich habe eine E-Mail geschrieben und unsere Situation geschildert und um Hilfe gebeten, und bereits am nächsten Tag hatte ich eine sehr liebe Antwort im Postfach und mir wurde ein Telefonat angeboten, das dann auch am selben Tag noch stattfand. Wir telefonierten sogar noch ein weiteres Mal an diesem Tag, und am Mittwoch dann war es soweit: Katja (ich hab den Namen aus Datenschutzgründen geändert) kam uns besuchen.

Wir haben unsere Erwartungen an diesen Besuch und an die nächste Zeit ganz offen gehalten. Die Informationen, die ich vorab über die Herangehensweise der Schreiambulanz-Therapeuten bekommen habe, waren für mich etwas diffus und ich konnte mir nicht so recht etwas darunter vorstellen.

Katja ist eine wahnsinnig nette Frau in den Fünfzigern, ziemlich alternativ angehaucht (alles andere hätte mich auch überrascht) und hat, laut ihrer Aussage, schon sehr viel Erfahrung mit sehr vielen Schreikindern gemacht.

Wir haben zuerst über die Geburt gesprochen und Katja hat sich auch ganz ernsthaft mit Linus unterhalten und sich ihm ganz allmählich angenähert. Sie arbeitet darauf hin, ein Vertrauensverhältnis zu ihm aufzubauen, um ihn massieren und seine Verspannungen lösen zu können. Auch die Eltern können massiert werden, wenn sie wollen. Im Grunde geht es um eine ganzheitliche Entspannung, um ein Wiederfinden zu sich selbst und seiner inneren Ruhe. Wir haben auch darüber gesprochen, wie wir uns gerade in unserer Situation fühlen. Weit sind wir noch nicht gekommen, aber Katja hat uns versichert, auch wenn man nicht sieht, was sie tut, am Ende hilft es, und dass sie noch nie einen hoffnungslosen Fall hatte.

Sie wird uns in den nächsten Wochen begleiten, der nächste Termin ist am Mittwoch. Man kann sie Tag und Nacht anrufen, wenn man sie braucht.

Den alternativen Weg zu gehen ist immer mit viel Glauben verbunden. Wo die Schulmedizin nicht weiter weiß, ist der alternative Weg eine weitere Hoffnung. Ich habe in einem früheren Post gesagt, ich wüsste noch nicht, wohin die Reise gehe. Aber ich bin bereit, es herauszufinden.

Alles, was ich weiß, ist, dass ich Linus seit Katjas Besuch nachts viel weniger in den Schlaf stillen musste als vorher. Er hat in jeder Nacht seit ihrem Besuch wenigstens eine Schlafphase von ca. drei, manchmal sogar mehr Stunden gehabt. Das gab es hier seit Monaten nicht mehr. (!!!)

Unser Leben hat sich nicht grundlegend verändert (das erwarten wir auch nicht), aber es gibt spürbare kleine Veränderungen. Keine Ahnung, woran es liegt. Ist vielleicht alles Zufall.

Vielleicht aber auch nicht. Die Zeit wird es zeigen.

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6 Comments


Recommended Comments

Jetzt habe ich mir alles durchgelesen und puhhh..

Ich wußte ja, dass es euch mies geht und das Linus sehr viel schreit. Aber es jetzt so geballt nochmal zu lesen ist schon heftig. :o

*drückdichmal*

Ich wünsch euch, dass Katja einen Weg für euch findet. Ich wünsche euch, dass ihr alle ruhiger und zufriedener werdet - vor allem natürlich Linus, aber mit ihm ihr ja auch.

Ich drück euch ganz fest die Daumen. :yes4:

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Ich freu mich ganz doll, wenn das hier gelesen wird - und dass du das gelesen hast. :o

Danke für die Zeit, die du dir genommen hast und danke für deine guten Wünsche, hoffentlich gehen sie in Erfüllung ...

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Huhu Mary,

jetzt hab ich alle deine Beiträge hier gelesen. Und ich muss sagen das hast du alles klasse geschrieben.

Ich drück dich einmal ganz doll, denn was ich da alles so gelesen habe hört sich wirklich nicht gut an. Und das ihr das schon so lange gemeinsam durchsteht find ich beeindruckend.

Ich wünsche mir für euch das euch Katja helfen kann und ihr gemeinsam einen Weg findet das Linus zufriedener wird und ihr noch mehr ganz tolle Zeit miteinander habt.

Unsere Daumen hier sind ganz fest für euch gedrückt!

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Danke, liebe Susi! Beeindruckend ... ja, man muss halt durch. Man kann das Kind ja nicht im nächsten Fundbüro abgeben ... aber ich muss auch sagen, man nimmt doch irgendwo immer wieder eine Kraftreserve her, das hätte ich nicht für möglich gehalten.

Danke auch dir für deine lieben Wünsche, ich hoffe ganz doll mit!

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mensch, mary ... allein, dass du nicht in jeder "ruhigen" minute sofort deinen schlaf nachholst und dich ausruhst, sondern hier noch schreibst und damit ja auch anderen mut machst ... ich find dass echt toll, wie du das alles meisterst ... ich glaube ich hätte diese kraft einfach nicht ... wie du seit monaten für dein kind da bist, tag und nacht, nach deinen schlimmen geburt und dem "ramsch" danach, nebenher die uni, eine schimmlige wohnung, der umzug ... da reichts nicht mal mehr den hut zu ziehen, da bin ich einfach total gerührt und sprachlos:o

ich wünsch euch so, dass es jetzt eeeeendlich besser, nein - GUT wird mit den nächten, ob dank katja oder warum auch immer ... ihr habt es verdammt noch mal verdient!!!!!

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:D Naja, so ganz klappt das nicht immer - vorgestern hab ich, anstatt mich auf den Hosenboden zu setzen und zu arbeiten, die Decke über den Kopf gezogen, sobald ich allein war, und bis fast mittags geschlafen ... :o Das musste mal sein.

Oje, lob mich bloß nicht so in den Himmel, liebe piepsi - ich ertrag das auch nicht immer mit einer Engelsgeduld, ich kann schon ganz schon kiebig werden und bin dann superfrustriert und selbstmitleidig vom Feinsten ... aber so ganz langsam merke ich, wie sich meine Einstellung zu dem Ganzen verändert. Vielleicht bin ich auf dem Weg, endgültig zu akzeptieren, dass unser Kind nun mal nicht so "pflegeleicht" ist wie andere Kinder.

Danke fürs Lesen. :o

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